WEINGESCHICHTEN
  • 2. JUNI 2014
  • 3 min
  • 101 Aufrufe

Wine on time - Contest #StorieDiVino

Jede Geschichte, die etwas auf sich hält, beginnt mit einem Mord. Meine nicht. Meine beginnt mit einer Flasche Wein. Eine Kohlendioxidblase haftete am Boden einer Flasche Lambrusco und versuchte mit aller Kraft, dem archimedischen Auftrieb zu widerstehen...

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von WineAtWine
Wine at Wine Redaktion

Wine on time - Contest #StorieDiVino

Jede Geschichte, die etwas auf sich hält, beginnt mit einem Mord. Meine nicht. Meine beginnt mit einer Flasche Wein.

Eine Kohlendioxidblase haftete am Boden einer Flasche Lambrusco und versuchte mit aller Kraft, dem archimedischen Auftrieb zu widerstehen. Sie hatte zugesehen, wie ihre Schwesterblaschen vor ihren gasdurchdrungenen Augen davonzogen und in der rubinroten Trübung über ihr verschwanden. Sie stellte sich vor, dass sie, wenn sie sich vom Flaschenboden lösen würde, zerplatzen und alle Moleküle, aus denen sie bestand, hierhin und dorthin geschleudert würden, um sich irgendwo unelegant platt zu drücken. Sie hatte damit eigentlich recht, konnte es aber nicht mit Sicherheit wissen, weshalb sie sich am gläsernen Flaschenboden festhielt. Nur noch kurz. Gerade so lange, bis ich fertig war, die Salami aufzuschneiden. Meine Freunde saßen unterdessen im Wohnzimmer und plauderten, während sie darauf warteten, dass ich den Aperitif servierte. Mara wickelte sich elegant an die Rückenlehne des Sofas gelehnt Haarsträhnen um den Zeigefinger, während Luca, der attraktive Kernphysiker, ihr erklärte, wie ihr Körper zu neunundneunzig Komma neun Prozent aus anderen Molekülen als noch im Jahr zuvor bestehe, sich dabei aber kein bisschen verändert habe. Mara ihrerseits, leicht gekränkt, verbarg genüsslich ihre Freude an dem Humor ihres Gesprächspartners und wechselte zwischen spatischen Lächeln und raschen Blicken auf die Uhr. Der heilige Augustinus sagte: „Die Zeit existiert nicht, sie ist nur eine Dimension der Seele." Aus anderen Gründen vertrat Luca dieselbe These. Was mich betrifft, habe ich mich nur bei der abstrus anmutenden Definition der Sekunde, der wichtigsten Zeiteinheit, aufgehalten, während ich ausgiebig über das Timing sinnieren kann, dessen unbeständige Existenz ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Hamšíks Tor in der siebenundachtzigsten Minute gegen Milan, das Herabfallen der Salamischeiben und das Zerplatzen der Kohlendioxidblase sind dafür das anschaulichste Beispiel. „Machen wir den Wein auf?" Ich ließ einen kräftigen Schluck Lambrusco prickelnd über meine Geschmacksknospen gleiten, während das Gelächter in die entgegengesetzte Richtung entwich – ausgelöst durch diesen netten Zufall. Es gibt keinen richtigen Moment, um Wein zu trinken; es ist immer der richtige Moment, um Wein zu trinken. Ich bin sicher, der heilige Augustinus wäre einverstanden.

Ob es wirklich stimmt, dass neunundneunzig Komma neun Prozent meines Körpers keine Spur mehr von dieser Begegnung trägt, spielt kaum eine Rolle – denn noch nach langer Zeit bin ich immer noch in der Lage, mich daran zu erinnern.

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